Wenn wir an Dalmatien denken, kommen uns oft Sommer, Sonne und traumhafte Strän
de in den Sinn. Doch wusstet ihr, dass diese kroatische Küstenregion besonders zur Osterzeit eine tiefe, fast mystische Atmosphäre entfaltet? Wir beleuchten kurz die faszinierendsten Karfreitagstraditionen Dalmatiens – hier verschmelzen jahrhundertealter Glaube und gelebte Geschichte zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Die Insel Hvar: Der mystische Kreis der sechs Dörfer
Das absolute Highlight der Karfreitagsbräuche auf der Insel Hvar ist zweifellos die Prozession „Za Križen“ (Hinter dem Kreuz). Sie blickt auf eine über 500-jährige, ununterbrochene Geschichte zurück und wurde vollkommen zu Recht in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag machen sich die Gläubigen aus sechs verschiedenen Pfarreien im zentralen Teil der Insel um Punkt 22 Uhr gleichzeitig auf den Weg. Im Mittelpunkt steht der Kreuzträger (Križonoša). Er trägt das bis zu 18 Kilogramm schwere Kreuz als Zeichen der Bitte, des Dankes oder eines Familiengelübdes – und das oft barfuß! Begleitet wird er von den sogenannten Kantaduri (Sängern), die in einem archaischen, musikalischen Dialog den „Gospin plač“ (Die Klage der Muttergottes), einen Text aus dem 15. Jahrhundert, singen.
Die Route bildet einen 25 Kilometer langen Kreis, der teilweise an der Küste, größtenteils aber im hügeligen Inselinneren verläuft. Die sechs Gruppen ziehen im Uhrzeigersinn von Dorf zu Dorf. Dabei gilt eine eiserne Regel: Die Prozessionen dürfen sich niemals begegnen! Ein alter Aberglaube besagt, dass dies großes Unglück über die Insel bringen würde. Jedes dieser sechs Dörfer hat dabei seinen ganz eigenen Charakter:
- Jelsa: Das größte Dorf in diesem Verbund und direkt am Meer gelegen. Jelsa bildet oft das emotionale Zentrum der Berichterstattung. Wenn der Kreuzträger hier nach 25 Kilometern Fußmarsch am frühen Karfreitagmorgen völlig erschöpft ankommt, läuft er die letzten Meter über den Platz und wirft sich weinend in die Arme des wartenden Pfarrers.
- Pitve: Dieses malerische Dorf liegt hoch oben in den Hügeln am Eingang zu einem Tunnel. Die engen, steilen Gassen aus altem Stein machen den Aufstieg mit dem schweren Kreuz hier zu einer besonderen körperlichen Herausforderung.
- Vrisnik und Svirče: Zwei tief im Inselinneren verwurzelte, traditionelle Bauerndörfer. Hier spürt man die Ursprünglichkeit der Insel besonders stark. In Svirče hallen die uralten Gesänge der Kantaduri eindrucksvoll durch die engen Höfe.
- Vrbanj: Das größte Dorf im Inselinneren. Es ist umgeben von fruchtbaren Feldern und Weinbergen und bildet eine wichtige historische Säule der hvarschen Identität.
- Vrboska: Oft als das „kleine Venedig“ von Hvar bezeichnet, da es tief in einer Bucht liegt und von kleinen Brücken durchzogen ist. Hier zieht die Prozession an der beeindruckenden Kirchenfestung St. Maria vorbei, was in der Nacht eine geradezu dramatische Kulisse bietet.
Das Neretva-Tal: Die Hochburgen der „Žudije“
Verlassen wir die Inseln und begeben uns auf das dalmatinische Festland, in ein weites, fruchtbares Flussdelta, das seit der Antike besiedelt ist. Hier begegnen wir einer Tradition, die das Bild am Karfreitag maßgeblich prägt: den „Žudije“.
Dabei handelt es sich um junge Männer der Gemeinde, die in die Rolle von römischen Soldaten schlüpfen und als Wächter des Christusgrabes fungieren. In ihren authentisch wirkenden Rüstungen, bewaffnet mit Speeren und Schilden, wachen sie vom Gründonnerstag an über das Grab. Ihr größter Auftritt folgt am Karfreitag: Zusammen mit der Figur des Simon von Kyrene, der das Kreuz durch die Stadt trägt, sind die Wächter während der feierlichen Prozessionen der absolute Blickfang.
Von den Ursprüngen ausgehend, hat sich der Brauch über das gesamte Tal ausgebreitet. Die wichtigsten Schauplätze sind:
- Metković: Die Stadt ist das pulsierende Herz des Neretva-Tals und die Wiege dieser Tradition. Der Überlieferung nach brachte der Seminarist Ante Gluščević den Brauch im Jahr 1857 aus dem italienischen Loreto in die Pfarrei St. Ilija. Heute gibt es in Metković mehrere Gruppen, und die Stadt ist oft Ausrichter des großen „Festivals der Žudije“.
- Vid: Ein kleines Dorf in unmittelbarer Nähe zu Metković, das auf den Ruinen der antiken römischen Stadt Narona erbaut wurde. Dass gerade hier junge Männer in römischen Rüstungen das Christusgrab bewachen, verleiht dem Brauch eine faszinierende, historische Doppelbödigkeit.
- Kula Norinska und Prud: Diese kleineren Gemeinden liegen direkt an den Seitenarmen des Flusses. In diesen Dörfern kennt jeder jeden, weshalb die Rolle eines Grabwächters eine große Ehre für die jungen Männer der Familien darstellt. Die Tradition wird hier besonders intim und eng an die Dorfgemeinschaft gebunden zelebriert.
Ein kurzer Blick auf weitere Regionen
Obwohl Hvar und Neretva die bekanntesten Vertreter sind, hält Dalmatien noch weitere Perlen bereit. In Bibinje (nahe Zadar) wird beispielsweise während der Prozession die gesamte Straßenbeleuchtung ausgeschaltet. Das alte Dorf wird stattdessen von Tausenden kleinen, handgemachten Öllämpchen erleuchtet – ein Meer aus kleinen Feuern in der absoluten Dunkelheit. Und in der rauen Gebirgsregion Zabiokovlje (im Hinterland von Makarska) legen die Gläubigen auf ihrer Route sogar noch mehr Strecke zurück als auf Hvar, nämlich beachtliche 27 Kilometer durch bergiges Terrain!
Ein Erbe, das verbindet
Diese Bräuche sind weit mehr als nur eine touristische Attraktion. Sie sind das schlagende Herz der dalmatinischen Identität. Die tiefe Verwurzelung zeigt sich auch daran, dass diese Traditionen alle historischen Widrigkeiten überstanden haben. Selbst im Zweiten Weltkrieg gaben die Hvaraner ihren Brauch nicht auf: Im Jahr 1944 organisierten dalmatinische Flüchtlinge die Prozession „Za Križen“ kurzerhand im afrikanischen Flüchtlingslager El Shatt!
Wer Dalmatien von seiner authentischsten und spirituellsten Seite kennenlernen möchte, sollte die Karwoche für einen Besuch unbedingt in Betracht ziehen. Die Hingabe, mit der die Einheimischen – vom Inselarchipel bis an die Neretva – ihr kulturelles und religiöses Erbe pflegen, ist zutiefst berührend.
