Stell dir einen Ort vor, an dem Stress ein exotisches Wort aus einer fernen, völlig unverständlichen Welt ist.
Ein Ort, an dem sich der Puls des Lebens nicht nur beruhigt, sondern um ein gewaltiges Stück verlangsamt.
Willkommen in den Dörfern des Šibenik-Archipel.
Man sitzt in einem kleinen Café direkt an der Mole. Im Hintergrund laufen die unverwechselbaren, melancholischen Hymnen von Oliver Dragojević. Am Nebentisch entbrennt eine leidenschaftliche Diskussion zwischen den Dorfältesten – es geht um nichts Geringeres als das letzte Boccia-Spiel, und den Liegeplatz ganz vorne an der Mole, den niemand haben will.
Das Faszinierendste aber ist die Wirkung dieser Atmosphäre auf uns Menschen:
Nach nur wenigen Stunden weicht die hektische Schrittfolge der Städter einem entspannten, fast schon schlürfenden Gang. Es ist, als würde die Insel den körpereigenen Rhythmus eigenhändig auf „Insel-Modus“ umstellen.
„Pomalo, pomalo“ – langsam, langsam. Das ist hier kein guter Rat, sondern ein ungeschriebenes Naturgesetz.
Doch wo genau findet man diese Magie am intensivsten? Es sind vor allem fünf „große“ Inseldörfer, die dieses Lebensgefühl perfekt konserviert haben. Jedes von ihnen ist eine Welt für sich:
Die fünf Perlen des Archipels
Zlarin: Die Insel der roten Korallen Zlarin ist die stolze, ehemalige Hauptstadt der Korallentaucher. Da die Insel komplett autofrei ist, ist die Ruhe hier fast greifbar. Wer durch die Gassen spaziert, spürt die Geschichte des „roten Goldes“, das hier seit dem 15. Jahrhundert aus der Tiefe geholt wird.
Prvić Luka: Das Dorf der Visionäre Prvić Luka strahlt eine noble, fast intellektuelle Ruhe aus. Hier liegt das Gedenkzentrum von Faust Vrančić, dem „kroatischen Leonardo da Vinci“. Prachtvolle Sommerhäuser des Adels mischen sich hier ganz natürlich mit einfachen Fischerkaten.
Šepurine: Ein Labyrinth aus Stein Nur einen Steinwurf von Prvić Luka entfernt liegt Šepurine. Es gilt als eines der authentischsten Steindörfer der Adria. In den engen Gassen, in denen Oleander vor kalkgrauen Mauern blüht, scheint die Zeit seit Jahrzehnten einfach ein Nickerchen zu machen.
Kaprije: Der Hafen der Kapern und Segler Benannt nach den wilden Kapernsträuchern, ist Kaprije ein Paradies für Segler und Genießer. Ohne Autos, dafür mit erstklassigen Fischrestaurants direkt an der Hafenmauer, ist es der perfekte Ort, um den Oktopus-Salat zu genießen, während man den Booten beim Einlaufen zusieht.
Muna (Žirje): Das Tor zur Stille Muna ist die am weitesten entfernte Siedlung und das Sinnbild einer ehrlichen, spröden Fischersiedlung. Hier gibt es keinen künstlichen Glanz – nur pure Authentizität und die Weite des Meeres. Wer Muna besucht, sucht das Ende der Welt.
Die Lebensader: Der Herzschlag der Inseln
Nur ein paar Mal am Tag schnellt der Puls dieser Dörfer kurzzeitig in die Höhe. Das ist der Moment, in dem die Fähre am Kai anlegt. Sie ist die Lebensader, die alles bringt, was man zum Überleben braucht: Post, Lebensmittel, neue Gesichter und alte Bekannte. Für wenige Minuten herrscht ein buntes, geschäftiges Treiben.
Doch sobald die Fähre wieder ablegt und die Heckwelle am Kai verebbt, kehrt sie sofort zurück: die unermessliche, tiefe Ruhe.
Der Taktgeber? Wieder Oliver Dragojević aus den Lautsprechern der Bar.
Das Motto? Pomalo.
