Wenn man Mate begegnet, sieht man zuerst seine Hände. Sie sind wie die Rinde eines alten Olivenbaums – tief gefurcht, vom Salz gegerbt und von der Sonne der Adria gezeichnet. Mate ist siebzig Jahre alt, und wenn er über die Kornaten spricht, tut er das nicht wie ein Fremdenführer, sondern wie ein Mann, der über seine erste große Liebe erzählt.
Kindheitstage in Vrulje: Ein Leben im Rhythmus der Natur
Wir gehen langsam zwischen den kleinen Häusern in Vrulje, der größten Siedlung im Nationalpark. Während an der Mole der Konoba Ante die Boote sanft gegeneinander schlagen, blickt Mate zurück in eine Zeit, als das Dorf noch ein ganz anderes Gesicht hatte.
„Vrulje war für uns Kinder kein Ferienort, es war eine ganze Welt“, erinnert er sich. Mate verbrachte jeden Sommer bei seinen Großeltern. Es war eine Kindheit, die vom Rhythmus der Natur und der harten Arbeit auf dem kargen Land geprägt war. Er erzählt vom Barfußlaufen über die scharfen Kalksteine, vom silbrigen Schimmer der Olivenbäume und dem endlosen Blöken der Schafe, die zwischen den mühsam aufgeschichteten Trockenmauern weideten.
Wenn er mit Großvater raus zum Fischen fuhr, war das das Selbstverständlichste auf der Welt – sie waren eins mit dem Wind, den Wellen und dem Meer!
„Wir hatten damals fast nichts, was man heute als Komfort bezeichnen würde. Aber wir hatten diese unglaubliche Weite. Die Kornaten gehörten uns, den Schafen und dem Wind.“ Für den kleinen Mate waren die Inseln ein riesiger, steinerner Abenteuerspielplatz, auf dem jeder Felsvorsprung und jede versteckte Bucht eine eigene Geschichte erzählte.
Der Preis des Fortschritts
Mate lässt den Blick über die Bucht schweifen, in der heute moderne Yachten vor Anker liegen. Die touristische Vermarktung der Region betrachtet er mit einer Mischung aus Wehmut und Realismus.
„Es bricht mir manchmal das Herz zu sehen, wie die Stille, die wir früher fast als Last empfanden, heute als Luxusgut verkauft wird“, sagt er nachdenklich. „Vrulje hat sich verändert. Einige der alten Steinhäuser sind heute Restaurants oder Unterkünfte, und im Sommer ist es hier fast so geschäftig wie auf dem Festland.“
Doch Mate ist kein Verfechter der reinen Nostalgie. Er weiß, dass der Tourismus für viele Familien hier zur unverzichtbaren Lebensgrundlage geworden ist. „Ich will nicht ungerecht sein. Früher war das Leben hier oft ein Kampf ums Überleben. Heute bringt der Tourismus den Wohlstand, der es den jungen Leuten ermöglicht, hierzubleiben. Das Meer ernährt uns heute anders als früher – aber es ernährt uns noch immer.“
Das Urtümliche: Ein Echo in der Stille
Trotz der weißen Segel und der Speisekarten in vielen Sprachen hat Mate seinen Frieden mit der Gegenwart gefunden. Er ist davon überzeugt, dass der wahre Kern der Kornaten tief unter der Oberfläche verborgen liegt – unzerstörbar und zeitlos.
„Die Kornaten sind wie eine alte Melodie“, sagt Mate leise. „Manchmal ist der Lärm der Welt zu laut, und man hört sie nicht mehr. Aber wenn man ganz früh aufsteht, bevor die ersten Motoren starten, oder wenn man am Abend ein Stück in die kahlen Hügel hinaufsteigt, dann spürt man es wieder. Dieses Urtümliche, das Raue, das Unbeugsame.“
Er findet es im intensiven Duft von wildem Salbei und Thymian, der in der Mittagshitze über den Felsen flirrt. Er sieht es in der Beständigkeit der Steinmauern, die Generationen vor ihm ohne einen Tropfen Mörtel errichtet haben. Für Mate ist das „echte“ Vrulje noch immer da – man muss nur bereit sein, einen Moment lang innezuhalten und zuzuhören.
Ein Erbe, das bleibt
Mates Geschichte erinnert uns daran, dass Orte eine Seele haben, die tiefer liegt als die touristische Fassade. Wenn ihr das nächste Mal in Vrulje festmacht, nehmt euch einen Augenblick Zeit. Schaut an den glitzernden Decks vorbei auf die grauen Mauern und die kargen Gipfel.
Vielleicht spürt ihr dann, genau wie Mate, dass der wahre Geist der Inseln niemals ganz verschwinden wird. Er wartet nur darauf, in einem ruhigen Moment – wie jetzt im Winter – wieder erscheinen zu dürfen 😉
