Im Sommer 2010 kamen Hilde und Gary Ward zum ersten Mal auf die kroatische Insel Vis. Eigentlich hatten sie gar keinen großen Plan und wollten als ganz normale Touristen nur eine Woche bleiben. Doch die Magie der Insel – mit ihren Weinbergen, Zitronenbäumen und dem betörenden Duft wilder Kräuter – zog sie sofort in ihren Bann. Aus einem einwöchigen Urlaub wurde ein komplett neues Leben.
Der Ausstieg aus dem Hamsterrad
Hilde hatte über zwei Jahrzehnte bei einem kommerziellen Fernsehsender gearbeitet. Irgendwann spürte sie den tiefen Drang nach Veränderung. Sie wollte dem “9-to-5”-Alltag entfliehen und etwas Eigenes schaffen, das ihr Bedeutung gibt. Ihr Mann Gary hatte sein halbes Leben als kommerzieller Tiefseetaucher verbracht – ein abenteuerlicher und gefährlicher Job, bei dem er oft die Gasgemische (Sauerstoff und Helium) für die Tauchkammern mischte.
Zunächst kaufte das Paar eher zufällig ein Haus auf der Insel. Doch schon bald stellten sie fest, dass ihnen zwei oder drei Wochen Urlaub im Jahr einfach nicht mehr reichten. „Wir wollten ein Teil dieses Ortes sein, die Menschen kennenlernen und leben wie sie“, erinnern sie sich. Die Inselbewohner nahmen die Wards mit offenen Armen auf: „Die Einheimischen haben uns wie ihre eigenen Leute akzeptiert. Wir haben das Gefühl, eine neue Familie dazugewonnen zu haben.“

„Wir wollten die Insel in eine Flasche packen“
Begeistert von der unberührten Natur, die Vis zu bieten hat – die Insel war bis 1989 eine gesperrte jugoslawische Militärbasis und blieb daher vom Massentourismus verschont –, entstand eine verrückte Idee: Warum nicht die wilden Aromen von Lavendel und Rosmarin einfangen? Die Vision für einen eigenen Botanical Gin war geboren.
Garys berufliche Erfahrung mit dem präzisen Steuern von Ventilen und Gasgemischen erwies sich als perfekte Grundlage, um nun die Temperatur und den Alkoholfluss der kupfernen Brennblase zu kontrollieren. Hilde hingegen tauchte tief in die Pflanzenwelt ein, lernte alles über die wilden Kräuter der Insel, deren Ernte- und Trocknungszeiten, und wurde so zur “Apothekerin” der Destillerie.
Für den Namen ihrer Marke mussten sie nicht lange suchen: Sie nannten ihren Gin HUM 587 – benannt nach dem höchsten Berg der Insel, dem Berg Hum, der 587 Meter über dem Meeresspiegel thront. Von dort oben hat man einen Panoramablick über das tiefblaue Meer und die grünen Hänge, an denen die Zutaten für ihren Gin wachsen. Ihre Produktionsstätte richteten sie passenderweise in einem verlassenen Gebäude der ehemaligen Militärbasis ein.

Vom Hobby zum weltweiten Erfolg
Heute ist die Okusi Visa Distillery ein echtes Familienunternehmen, bei dem auch ihre Töchter Amanda (Social Media) und Emma (Webdesign & Branding) tatkräftig mithelfen. Aus dem anfangs leidenschaftlichen Projekt ist längst ein international anerkanntes Produkt geworden. „Wir haben keine Medaillen erwartet. Wir wollten nur sehen, wo wir stehen. Als sie dann kamen, hat uns das riesiges Selbstvertrauen gegeben“, erzählen die beiden. Längst ist der Gin über die Grenzen Kroatiens hinaus begehrt – so kaufte etwa ein Paar aus Kalifornien nach einem Tagesausflug direkt mehrere Flaschen.

Angekommen im Paradies
Für Hilde und Gary hat Vis das bewahrt, was viele andere Urlaubsziele längst verloren haben: Authentizität, Ruhe und das wahre Leben fernab der Hauptverkehrsstraßen. Wer hierher kommt, spürt das sofort. „Vis hat eine Seele. Das ist etwas, das man nicht erklären kann, man muss es spüren – in der Luft, in den Gerüchen, in den Menschen“, schwärmen die Auswanderer.
Und wer nicht selbst auf die Insel reisen kann, für den haben Hilde und Gary genau dieses Gefühl destilliert – als flüssige Liebeserklärung an eine Insel, die zufällig ihr Zuhause wurde.
Nach einer Reportage von RADE POPADIĆ / Dalmacija Danas
